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ROGER SCHÜEBER, 06. SEPTEMBER 2022

Wer unsere LINGS-Challenge verfolgt, weiss schon länger, dass Roger als Challenge die Besteigung des Vrenelisgärtli vor hat. Nun hat er es hinter sich gebracht. Wie es ihm dabei ergangen ist, wie er sich vorbereitete und welche Ängste und Challenges er hatte, kannst du in diesem Blogbeitrag verfolgen.

Warum das Vrenelisgärtli?

Ja, diese Frage ist berechtigt. Warum ausgerechnet auf das Vrenelisgärtli? Nun ja, da gibt’s eigentlich zwei verschiedene Gründe dafür.

Erstens, den Berg kenne ich von meinem verstorbenen Vater. Er hat ihn mir mal gezeigt und erzählt, dass dies das Vrenelisgärtli sei. Danach wollte ich wissen, warum ein Berg so heisst und habe mich informiert. Ich möchte nicht im Detail auf die Sagen eingehen, aber ich fand es spannend, dass das Vreneli, mit einem Kupferkessel auf dem Kopf, da hochwollte, um da ihren Garten anzulegen. Wer mehr zu den Sagen über den Berg erfahren will, kann sich hier informieren (Bitte erst nach dem Lesen des Blogartikels ;-))

Zweitens gilt der Berg als der Hausberg von Zürich. Ich bin im Zürcher Oberland aufgewachsen und da sieht man den Berg von unterschiedlichen Orten aus. Der Anblick überwältigte mich immer wieder. Vor mehr als 10 Jahren haben ein Freund und ich beschlossen, dass wir einmal da hochwollen. Viel Zeit ist vergangen und wir haben beide das Ziel aus den Augen verloren. Vor drei Jahren aber, erzählte mir ein anderer Freund, dass er mit einer Gruppe vor hat, das Vrenelisgärtli zu besteigen. Da fiel mir wieder auf, dass ich dies doch auch mal versuchen wollte.

Vrenelis Gärtli
Schwandergrat zum Vrenelisgärtli (Quelle SAC)

Als mein Vater dann vor 2 Jahren verstorben ist, kam dieser Wunsch in mir wieder hoch und ich entschloss mich letztes Jahr dann im 2022 den Berg zu besteigen. Und dafür musste ich mich vorbereiten.

Wie ich mich vorbereitet habe

Ich habe verschiedenste Blogartikel und Youtube Videos studiert und angeschaut, um mir vorgängig ein Bild zu machen. Es wurde mir bewusst, da gibt es 3 Challenges für mich.

Die Kondition

Die erste Challenge ist die Kondition. Auch wenn das „Gärtli“ als eine einfache Hochtour gilt, muss man am zweiten Tag doch 7-8 Stunden auf den Füssen sein und dabei 1000 hm hoch und 1700hm runter. Hierfür bin ich wieder mehr auf mein Bike gestiegen und habe im Winter dann 2 wöchentlich am Spinning Kurs teilgenommen. Sobald der Winter wieder vorbei war, habe ich mein Rennvelo aufbereitet und bin das eine oder andere Mal damit zur Arbeit gefahren. So machte ich an diesen Tagen rund 60 km und 600 hm.

Bike als Hilfe um die Kondition zu stärken

Die Trittsicherheit

Als Kind habe ich wandern gehasst und genau so habe ich mich bei «obligatorischen» Familien- und Klassenwanderungen auch benommen. Immer war ich der Letzte und das alles andere als trittsicher. Danach habe ich Wanderungen mein ganzes Leben gemieden. Bis ich plötzlich durch meine Frau und das Biken, die Berge wieder gesehen habe und neu gelernt habe zu lieben. Mit dem Ziel das Vrenelisgärtli zu bestiegen wusste ich, «nun musst du die Trittsicherheit üben und auch per Fuss auf die Berge». Somit war ich, wann immer ich Zeit hatte und nicht grad auf dem Bike/Rennvelo sass, zu Fuss auf verschiedensten kleineren Bergen unterwegs. Dies auch im Winter mit den Schneeschuhen.

Das Klettern

Ich weiss, jeder der schon Hochtouren gemacht hat, wird jetzt sagen, aber das auf dem Vreneli kann man ja nicht wirklich klettern nennen. Na ja, als ungeübter Angsthase, wie ich es bin, gibt es da eine Kletterpassage runter zum Schwandergrat, von der ich grossen Respekt hatte. Denn ich habe es zwar nicht wirklich mit der Höhenangst zu tun, aber ich weiss, dass ich Panik bekommen kann, wenn ich irgendwo abstürzen könnte. Zudem habe ich null Erfahrung mit Klettern. Als Kind habe ich das (wegen meiner Angst) wann immer möglich gemieden. Um zu lernen mit der Höhe und der Klettertechnik umzugehen habe ich im Kletterzentrum in Wädenswil einen Toprope- und einen Technikkurs besucht. Begleitend dazu, traf ich mich dann und wann mit einem klettererfahrenen Freund um nach der Arbeit, in der Halle, weiter zu üben.

Indoor Klettern
Indoor Klettern im Kletterzentrum Wädenswil

Erster Aufstieg, Kletterversuche und ein gutes Bier

Nach all diesen «Trainingseinheiten» habe ich mich gut vorbereitet gefühlt. Und der Tag von meinem Erlebnis kam dann auch schon schneller als erwartet. Zusammen mit einem Freund und einer Freundin haben wir uns auf den Weg gemacht in Richtung Klöntalersee. Wo wir zuhinterst auf unsere Gruppe und den Bergführer gestossen sind. Auf der Fahrt dahin konnten wir das Vrenelisgärtli in voller Pracht begutachten und haben uns gegenseitig immer gefragt, «Wie zur Hölle kommen wir da rauf?».

Vom Klöntalersee haben wir das bekannte Taxi hinauf zu den Chäseren genommen und da hat dann auch der sportliche Teil begonnen. Von da ist unsere Gruppe ca. 700 hm hoch zur Glärnischhütte gewandert. Der Weg da hoch war ein relativ einfacher, übersichtlicher und gut ausgeschilderter T3 Wanderweg. Dies war der perfekte Einstieg für den Tag danach, der noch kommen sollte.

Als wir oben angekommen sind, haben wir uns erstmals mit einer super feinen «Wähe» verpflegt und dabei noch ein Rivella getrunken. Die Hütte liegt wunderschön und man kann dabei die Berge rundherum sehr gut begutachten. Zum Teil haben wir dann Wetten gemacht, wer von uns welchen Berg kennt. Ich war nicht unbedingt der, der immer gewonnen hatte. 😉

Nach der Verpflegung holten wir dann das Material (Helm, Pickel, Steigeisen, Klettergeschirr, Seil usw). Unser Bergführer hat uns alles erklärt und mit uns zusammen die Steigeisen richtig eingestellt. Danach durften wir uns selbst von einem grösseren Stein abseilen. Dies war dann auch schon das erste Mal, dass mir ein wenig mulmig wurde. Aber die guten Zureden vom Bergführer und meinen Freunden, halfen mir mich zu überwinden. Wer noch wollte konnte dann da bei diesen grossen Steinen auch noch ein wenig klettern.

Irgendwann aber hat uns das Bier auf der Hütte gerufen. Es gab als Erstes, was für ein Wunder, das Vrenelisgärtli Bier von der glarner Brauerei Adler Bräu. Gefolgt vom Bergführer Bier, welches angeblich nur in den Hütten erhältlich ist. Danach war schon bald Zeit für den Hüttenschmaus, ein richtig währschaftliches Essen, welches zur Vorspeise mit Suppe begann und zum Dessert mit dem klassischen Früchtesalat, das gesamte Mahl abrundete.

Das Vrenelisgärtli Bier am Tag vor dem Aufstieg zum Vrenelisgärtli

Der Sonnenuntergang nach dem Essen war einfach traumhaft. Ich wurde mir nochmals bewusst, warum ich genau hier bin. Habe mir dann die Zähne geputzt und bin in meinen kühlen Seidenschlafsack im Massenlager gestiegen. Erstaunlicherweise hat niemand geschnarcht und somit konnte ich recht zügig einschlafen (Das Bier hat sicher auch geholfen dabei).

Was für ein schönes Panorama im Sonnenuntergang auf der Glärnischhütte

Langsam geht’s hinauf

Um 5:00 Uhr war Tagwache. Niemand brauchte einen Wecker, weil alle um diese Zeit angefangen haben rumzuwuseln. Die Geräuschkulisse alleine, weckte jeden auf. Aber das weiss man, wenn man in einer SAC Hütte übernachtet. Wir haben gefrühstückt: Brot, Butter und Käse. Danach den Pausentee eingefüllt, das Material gepackt und dann waren wir ready für den Aufstieg.

Die ersten Höhenmeter haben wir in der Morgendämmerung gemacht. Ganz so warm war es anfangs nicht, weshalb ich auch ein langes Oberteil anhatte, welches ich aber schon bald wieder beiseite gelegt habe. Ich selbst war noch eher müde, zumal die Better in der Hütte selten wirklich bequem sind. Aber es war herrlich, ausser meinen Schritten auf den Steinen und Kiesel nichts anderes zu hören. Das Zwischenziel war der Gletscher, welchen wir nach ein paar Kraxlereien auch bald erreicht haben. Da haben wir dann unser Klettergeschirr und die Steigeisen angezogen. Mit Pickel in der Hand sind wir dann in unserer Seilschaft über den Gletscher hinauf Richtung Schwandergrat gezogen.

Es war das erste Mal für mich auf einem Gletscher und die Energie, die ich von ihm gespürt habe, ist unbeschreiblich. Man merkt, dass da etwas unter einem ist, was viele Geschichten erzählen könnte, welche wahrscheinlich in keinem Geschichtsbuch anzutreffen sind. Ich war total im Bann und habe den Moment einfach nur für mich genossen.

Moment der Wahrheit, «schaffe ich es oder schaffe ich es nicht?»

Am Schwandergrat angekommen, wusste ich was mir jetzt blüht. Dass es aber so krass senkrecht runtergeht und dann erst noch 20 Meter in die Tiefe, hat mir dann doch einen trockenen Mund beschert. Erstmal tief einatmen und etwas trinken. Die Steigeisen und den Pickel haben wir zur Seite gelegt und dafür aber den Helm angezogen.

So nun war es so weit, der Moment der Wahrheit. Ich durfte als zweite Person unserer Seilschaft den Abstieg auf mich nehmen. Ich muss sagen, es war wirklich sehr gut ausgebaut mit Eisenstangen und -tritten. Der Anfang ging wirklich ohne grosse Mühe. Doch dann kam der Moment der Angst. Ich fand für meinen rechten Fuss keinen Tritt und wurde ein wenig nervös. Im gleichen Moment habe ich nach links geschaut und ich habe………. ………..nichts gesehen, einfach nichts! Dann zog mein Blick ein wenig runter und das Nächste was ich sah, war weit unter uns ein Gletscherfeld und noch weiter unten ganz kleine Häuser.

«Jetzt habe ich Angst» habe ich zu meinen Freunden oberhalb von mir gesagt. Die konnten mich aber gut beruhigen und auch der Bergführer sagte mir: «Das ist kein Problem Roger, du musst dich einfach bewegen und nicht verharren. Dann kommt alles gut». Ok, ich bin dann kurz in mich gekehrt und habe tief durchgeatmet und dadurch meine Ruhe wieder gefunden. Die Kollegin unterhalb von mir hat mir den nächsten Tritt gezeigt und ich habe es gemeistert. Was für eine Freude!

Danach sind wir in Reih und Glied über den Grad gewandert. Links und rechts geht es steil runter ins Tal. Für schwindelanfällige Personen ist das meiner Meinung nach nichts. Dies hat mich aber nicht mehr wirklich gestört, denn ich habe die Kletterpassage ja bereits gemeistert. Auf der anderen Seite nochmals ein klein wenig hochkraxeln und dann sah man bereits schon das «Steinbänkli». Für uns in der Schweiz, mit unserer «Bänklikultur» ein enorm wichtiges Element. Eigentlich hätte ich mich gerne hingesetzt aber das Ziel war nun wirklich nahe.

Einer der emotionalsten Momente meines Lebens

Hier muss ich kurz ausholen. Jedes Mal, wenn ich einen Berg besteige, fühle ich mich meiner verstorbenen Mutter und meinem verstorbenen Vater sehr nahe. Sobald ich das Gipfelkreuz sehe küsse ich zwei Finger und zeige nach oben zu ihnen. Dies ist mein kleines Ritual. Natürlich wollte ich dies auch hier auf dem Vrenelisgärtli machen.

Kurz nach dem «Bänkli» sahen wir dann bereits das Kreuz. Unglaubliche Adrenalinschübe gingen durch meinen Körper. Ich habe die beiden Finger hochgenommen und geküsst. In dem Moment, als ich dann nach oben zeigte überkam es mich. Ich hatte nicht nur eine Träne in den Augen. Es fliess einfach runter. Das Adrenalin, die Freude es geschafft zu haben, die Nähe zu meinen Eltern und die Müdigkeit haben mich in dem Moment vollkommen überrannt.

Ich brauchte noch einen Moment für mich, um zu mir zurückzukommen. Aber beim Rasten, Trinken und Essen da oben, konnte ich mich wieder beruhigen. Der Ausblick über das «Gärtli» runter ins Glarnerland, Zürich und über die Alpen war einfach schön. Es war ruhig und jeder von uns war innerlich stolz auf sich. Wir sassen noch einen Moment da und genossen den Augenblick. Bevor wir uns dann aber wieder auf den Weg runter machten, schossen wir natürlich noch das wichtige Gipfelfoto. Eine bunt durchgemischte Gruppe, welche heute ein Ziel gemeinsam verfolgte.

Gruppenfoto auf dem Vrenelisgärtli

Die Tortur hat erst begonnen

So, nun aber runter. Bei den ersten Metern beim Abstieg, bis hin zum Gletscher war nochmals volle Konzentration gefragt. Im Grossen und Ganzen haben wir den Grat aber gut überstanden. Danach nochmals die 20 Meter hochklettern, wobei ich da noch 1-2 Mal ein klein wenig in Hektik geraten bin, weil sich mein Seil 2 Mal an einer Eisenstange verheddert hatte und ich es losmachen musste.

Oben beim Gletscher angekommen, wussten wir, jetzt geht es nur noch abwärts. Und zwar über 1700hm… Der Anfang ging sehr zügig, gefühlt sind wir den Gletscher runtergerannt und die Kollegin hinter mir hat es 2-3 Mal umgehauen, weil unsere Leute vor uns so einen Stress hatten. Ihr müsst euch vorstellen, das ist wie ein «Handörgäli». Wenn es vorne zieht, zieht es bis am Schluss immer stärker. Die Arme! Zum Glück ist aber nichts Schlimmeres passiert. Nach dem Gletscher gab es noch ein paar Kraxel-Passagen aber grundsätzlich einfach den gleichen Weg runter zur Hütte.

Bei der Hütte angekommen, waren die ersten 1000hm hinter uns. Wir haben die Schuhe ausgezogen, etwas gegessen und (natürlich) ein Bier getrunken. Freude stand in unseren Gesichtern. Aber das eine oder andere Gesicht, z.B. meins, war auch ein wenig von Erschöpfung überzogen. Ich dachte mir nur: «Schön und gut sind wir jetzt bei der Hütte, aber es geht nochmals 700hm runter und meine Füsse schmerzen und meine Beine sind weich.»

Nichtsdestotrotz wanderten wir nach der Pause los. Ich musste mein Tempo gehen und die anderen ziehen lassen. Das Problem war, man sah die ganze Zeit das Bauernhaus, welches wir noch passieren würden. Und dieses wurde einfach nicht grösser. Ich habe dann mir positive Gedanken in meinen Kopf gepflanzt, ein Lied vor mich her gesummt und einfach Schritt für Schritt auf mich genommen. Plötzlich stand ich neben dem Bauernhaus. Danach ging es noch ziemlich steil einen Forstweg runter (Ich hasse Forstwege, um bergab zu wandern) und da habe ich die Füsse dann definitiv gespürt.

Wir nehmen das Taxi

Endlich in der Chäseren angekommen sahen wir schon x Leute auf das Taxi warten. Die meinten dann, dieses würde noch zweimal fahren und erst dann hätte es Platz für uns.

Was?? Das heisst 45 Minuten lang warten!

Meine Freunde fragten dann, ob wir den Abstieg per Fuss auf uns nehmen wollen. Bevor die Frage aber zu Ende war, stand ich auf, holte mir ein Bier und meinte nur: «Ich mache keinen unnötigen Schritt mehr!». Ehrlich gesagt, waren sie aber nicht unglücklich über meine Aussage. Wir konnten in den 45 Minuten beim Bier nochmals zusammen den Tag Revue passieren lassen und waren alle durchaus glücklich.

Das Taxi hat uns dann direkt vor mein Auto gebracht. Da haben wir bequemere Schuhe angezogen und ins Auto gesetzt. Mein Freund meinte dann zu mir: «Was ist denn das auf der Mittelkonsole? Hat da ein Vogel hingekackt?» Wir haben uns angeschaut und die Blicke sind gleichzeitig nach oben gewandert. Ups! Ich habe am Tag davor vergessen das Dachfenster zuzumachen. Wir haben herzlich gelacht… Zum Glück war das Wetter an dem Wochenende gut und es hat nicht «reingeschifft».

Werde ich nochmals so eine Tour machen?

JA! Mir hat es den Ärmel reingezogen und ich will noch mehr Hochtouren machen. Dieses Jahr habe ich bereits, mit dem Breithorn, einen einfachen 4000er bestiegen. Ende September ist das Ziel den Gross Spannort zu besteigen. Dieser ist ein wenig anspruchsvoller und höher als das Vrenelisgärtli.

In dem Sinne werdet ihr bestimmt von weiteren Abenteuer von mir hören. Und falls ihr Tourenvorschläge habt oder ihr geübte Bergsteiger seid und mich mal mitnehmen wollt, meldet euch bei mir.

Ich will mehr von dem Zeugs!


Roger Schüeber

CMO LINGS & Outdoor Lover

Lieblingsgegenstand bei LINGS: Canyon Spectral

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