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SIMON VILLIGER, 10.03.2021

Die Fotografie treibt mich an und voran, sie ist für mich ein Leitfaden, um Menschen und Kulturen kennen zu lernen und zu verstehen. Alles im Leben entsteht aus einer Folge von Ereignissen, und dies ist die Geschichte, wie ich dazu kam, ein Kamel zu kaufen.

Mit viel Fernweh erinnere mich an den Tag zurück, als ich 2019 von einer Töff-Tour in der Wüste Thar auf dem Rückweg Richtung Jaisalmer war. Wir befinden uns in Indien, im Bundesstaat Rajasthan am westlichen Rand der Wüste, wir sind hier schon fast in Pakistan. Es war einer von den vielen heissen Tagen, die Rajasthan im Sommer nahezu unerträglich machen. Die ersehnte Abkühlung kommt mit dem Fahrtwind und macht die 48 Grad erträglich. Der Klang der 250 cc Royal Enfield ist auch heute noch in meinen Ohren und hilft meiner Erinnerung. Erinnerung an das Land, das in den letzten 17 Jahren ein Teil von mir wurde.

Vor mir auf der Bullet, dem Spitznamen für die Enfield, sitzt mein Freund Vicky, er zeigt mir einen Teil seines Heimat-Bundesstaates Rajasthan. In diesem Video siehst du Einblicke dieser besonderen Töff-Tour. Vicky ist in Churan khad, ein Slum in der Nähe von Dharamsala, geboren und mit 5 Schwestern und 4 Brüder aufgewachsen, alle teilten ein einziges Bett. Ich habe Vicky und seine Familie im Mai 2016 kennengelernt. Wir machten Familienportraits für die Bewohner des Slums, leider wurde der Slum kurz darauf von den Behörden zerstört und wir konnten unser Projekt nicht zu Ende bringen. Die lokalen Behörden haben die Bewohner eingeschüchtert, um die Anwesenheit von Dritten zu erschweren. Freunde von mir wurden ein Jahr zuvor des Landes verwiesen, weil sie einen Film für eine Hilfsorganisation drehten.

Vicky kommt aus der Kaste der Sansi, ein Nomadenvolk, dessen Angehörige während der britischen Kolonialzeit pauschal als kriminell erklärt wurden. Es ist immer noch schwer bis unmöglich, für Menschen aus niederen Kasten, gute Ausbildungsplätze und Anerkennung in der Gesellschaft zu zu finden. Seitdem versuche ich Vicky jedes Jahr zu treffen und ihm irgendwie eine Job zu geben oder sonstwie zu helfen, sei es mit einem Computer oder einer Kamera.

Kehren wir zurück zur Bullet, die mit 60 km/h über den Asphalt Richtung Jaisalmer donnert, nachdem wir das Ende der Strasse gefunden haben. Vicky musste mir erst wieder zeigen, wie das Ding funktioniert. Das letzte mal habe ich mir 2009 einen Töff in Nepal gemietet, damals haben die Bremsen nicht funktioniert und das Anfahren im Hang ist dann nicht so einfach.

Ich lernte aber schnell und überlege seither, mir eine Royal Enfield zu zulegen. Da fahren wir nun und aus lauter Freude drehen wir noch ein Paar Runden abseits der Strasse im Sonnenuntergang, stellen uns in Pose und Fotografieren uns gegenseitig. Wie die Helden in einem Bollywood Film. Die Sonne geht unter und die wirkliche ersehnte Abkühlung kommt. In der Wüste wird es nachts angenehm kühl.

Da wir nicht wirklich wissen, wo wir sind und wie lange wir noch fahren müssten, entscheiden wir uns, im nächsten Dorf nach einer Schlafmöglichkeit zu fragen. Wir treffen auf eine Gruppe Männer, die im Licht einer Laterne nach der Arbeit ihren Feierabend-Chai genießt. Wir fragen und kurze Zeit später, nach einem Anruf von Purakha Ram, einem der Männer, erscheint Chana Ram mit seinem Motorbike, schon beladen mit Decken und Kissen für unser Nachtlager. Wir folgen Chena Ram in die Wüste Thar, nach 15 Minuten Fahrt in ungewisse treffen wir auf ein paar Lehmhütten, hier richtet er unter freiem Himmel unser Nachtlager ein. Wir werden von Chena Ram und seiner Familie vorzüglich verpflegt. Die Herausforderung hier ist nicht, das es kein WC gibt oder kein fliessend Wasser, das härteste hier draußen, zumindest für mich, ist das unglaublich scharfe Essen. Ok, auch, das es keine Toilette  europäischer Bauart gibt.

Es fällt uns schwer, von hier weg zu gehen und wir bleiben 3 Nächte mit Chena Ram und seiner Familie. Im Februar 2020 gehe ich zurück nach Damodara in das kleine Dorf, in dem Chena Ram und seine Familie lebt, um das Camel Polo Festival in Jaisalmer zu fotografieren. Damals hat mir Chena Ram den Gedanken eingepflanzt, Besitzer eines Kamels zu werden.

Wie wir alle wissen, ist es seit einem Jahr sehr schwierig oder unmöglich zu reisen, das Schöne aber dabei ist, das Dank heutiger Technologie der Kontakt in die Distanz zu Freunden aufrecht erhalten werden kann. Nach wiederkehrenden WhatsApp-Chats mit Chena Ram hat er mich im Oktober 2020 dazu überredet, ein Rennkamel zu kaufen! Am 15 November hatten wir das erste Rennen und klar gesiegt. Der Preis für den ersten Platz lag bei 500 Rupees.

Die aktuellen Gespräche mit Chena Ram über WhatsApp drehen sich heute mehr um meine Heirat. Zumindest findet er, das es Zeit wird für mich und daß er sich freut, wenn ich das nächste mal komme, aber bitte mit meiner Frau und daß wir dann zwei Ziegen schlachten und eine Party feiern werden.

Er meinte auch, wenn ich hier in der Schweiz keine finde, er in seinem Dorf oder der Nachbarschaft schon jemanden finden könne, ich bräuchte es nur zu sagen.

Seither bin ich Besitzer eines Kamels mit dem Namen Elefant und einem Sattel. Der hat bis jetzt noch keinen Namen. Elefant ist 7 Jahre alt und damit im perfekten Alter für Kamelrennen, hat einen neuen Sattel bekommen und obendrein durch meine Schwägerin auch noch einen Kollegen, womit nicht gesagt werden soll, meine Schwägerin sei ein Rennkamel, sondern sie legte sich ebenfalls ein solches zu.

In diesem Video sieht man das Kamel im Einsatz und noch mehr zum Camel Polo und Simon findest du im Blogbeitrag „Am Camel Polo Spielfeldrand – äähm, am bitte was?“.


Simon Villiger

Reisefotograf & LINGS Ambassador

@simonvilliger

Lieblingsgegenstand bei LINGS: Nikon D850

One comment on “Wie ich durch die Fotografie zu einem Kamel kam

  1. tolle Geschichte und schön zu lesen ! Eine Errungenschaft der besonderen Art !!!

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