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Gastautor Thomas Leuthard, 25.04.2018

Thomas Leuthard beschreibt die Nutzung der Technik „Cinemagraphy“. Wie du dies ganz einfach auf der Strasse anwenden kannst.

Nachdem ich 9 Jahre auf der Strasse fotografiert habe, wurde die Street Fotografie langweilig. Es war an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Vor ein paar Jahren sind die ersten Cinemagraphs im Internet aufgetaucht. Damals war ich nicht daran interessiert und sah keinen Verwendungszweck für meinen Bereich. Nach einer längeren fotografischen Pause bin ich auf die Idee gekommen, diese Technik auf der Strasse anzuwenden. Zuerst habe ich selber den Statisten gespielt und mir Bilder überlegt. Schnell wurde mir aber klar, dass ich das problemlos auch mit fremden Menschen machen kann.

Viele Bildideen habe ich schon als statische Street Fotos umgesetzt. Nun konnte ich von diesem Wissen profitieren und mir ähnliche Motive als Cinemagraph überlegen. Die Herangehensweise ist ähnlich wie bei meinen normalen Bildern. Ich suche mir eine Szene, gestalte das Bild und drücke ab. Die Schwierigkeit ist nun, das Stativ aufzustellen, das Video zu starten und die gewünschten Elemente einzufangen. Ein spannendes Cinemagraph benötigt ein statisch, eingefrorenes und ein sich bewegendes Element. Das bewegende Element sollte nicht zu viel Anteil am ganzen Bild haben. Das statisch, eingefrorene Element nicht zu statisch sein, sonst sieht das Ganze wie ein normales Video aus.

Von der Ausrüstung her bin ich pragmatisch unterwegs. Ich verwende ein altes Smartphone, mit dem ich FullHD (1920×1080) filmen kann, welches in einer Smartphone Halterung steckt und auf einem Stativ steht. Alles was zählt, ist ein stabiles Bild, welches von Anfang bis zum Ende den gleichen Ausschnitt zeigt und nicht wackelt. Dankbar ist natürlich auch, dass man das Smartphone auch mal auf den Tisch in einem Kaffee stellen kann und keiner merkt, dass gerade ein Video gedreht wird. Man wird mit dem Handy auch nicht als Kameramann wahrgenommen.

Technisch gesehen nimmst Du ein Video in FullHD auf, aus welchem Du ein Standbild nimmst und dort einen freien Bereich maskierst, in dem dann ein anderer Teil des Videos abläuft. Du hast also eine grosse Fläche eines Standbildes und nur einen kleinen Bereich, der sich bewegt. Dies kann man mit Photoshop oder spezieller Software machen. Am besten einfach mal nach Cinemagraph Software googlen.

Bild 1 - Screenshot Maskierung

Die grösste Herausforderung ist, dass sich die Szene genau so abspielt, wie Du Dir das vorgestellt hast. Hilfreich ist es auch, wenn Du mehr Material aufnimmst, als Du schlussendlich brauchst. Also lieber einzelne 2-3 Personen, die durchs Bild laufen, damit Du Dir die beste aussuchen kannst. Und wenn eine U-Bahn ins Bild fahren muss, diese, wenn möglich, auch 2-3 mal ins Bild fahren lassen. Schliesslich kannst Du in einem Video nichts weg stempeln und auch zum beschneiden hast Du mit 1920×1080 schlechte Karten. Also musst Du alles vorher richtig machen, damit es nachher dann passt.

Bei der Auswahl der Szene musst Du genau darauf achten, welchen Verlauf das bewegende Element nimmt. Schliesslich ist das eingefrorene Element per Definition immer im Vordergrund. Ein Zug fährt also immer hinter einer Person durch. Du kannst nichts über das eingefrorene Element platzieren. Wenn also Seifenblasen durchs Bild wehen, können diese nicht vor einer eingefrorenen Person dargestellt werden. Das macht die ganze Geschichte etwas schwierig.

Hier eine Szene, wo ich mich als Protagonist einbrachte, um die Szene spannender zu gestalten, da keiner die Treppe runtergekommen ist. Eigentlich wollte ich einen Fahrradfahrer als bewegtes Element. Dieser ist aber von rechtes unten nach links oben durchs Bild gefahren und hat somit mich gekreuzt, was dann nicht funktioniert hat.

Auch hier bin ich wieder in Aktion. Diesmal renne ich die Treppe hoch. Wenn Du jetzt Angst um Dein Stativ mit der Kamera hast, da es ausser Sichtweite ist, kann ich Dich beruhigen. Es ist ja alles über LINGS versichert.

In einer weiteren Szene hat sich mein Kollege mit einer Zeitung hingesetzt und als Statist agiert. Die Kamera steht auf einem Mülleimer und zwei fremde Personen bilden eine Art Rahmen um die Zeitung, die im Wind flattert.

Diese Frau sass in einem Kaffee und hat gelesen. Einerseits musste ich mich so hinstellen, dass ich genügend Schatten bildete, damit man ihren Kopf gut sah. Andererseits musste ich ihre Aufmerksamkeit durch den Wurf einer Münze an die Scheibe erwecken, damit sie mich ansah. Beides hat geklappt und so konnte ich die vorher aufgezeichnete Videosequenz als dynamisches Element verwenden.

Bei der Vorbereitung zu diesem Projekt habe ich auch ein Bild aus einem Waschsalon gesehen. Also habe ich dies auf meine To-Do-Liste geschrieben. Das Setup war relativ einfach und der alte Mann war mit Wäsche sortieren beschäftigt. Irgendwie dachte der wohl, wir machen Fotos von den Waschmaschinen.

Am Ende des Tages muss auch noch das Glück mitspielen. Dieser Man stand einerseits ruhig, alleine und perfekt am richtigen Ort, so dass ich den rausfahrenden Zug als bewegendes Objekt nutzen konnte.

Nach einer gewissen Zeit sucht man automatisch nach neuen kreativen Elementen, um das Bild noch spannender zu gestalten. Der Rückspiegel der Vespa war so positioniert, dass man die Strassenbahn sehen konnte. Und der neugierige Mann musste als statisches, eingefrorenes Element hinhalten.

Und wenn Du jetzt denkst, dass Street nur in S/W funktioniert, muss ich Dich enttäuschen. Erst warteten wir auf einen einzelnen Mann, der durchs Bild lief und dann auf die Strassenbahn, die die Szene perfekt machte. Alles von langer Hand geplant und dann auch tatsächlich so passiert.

Ich war schon lange nicht mehr so motiviert und begeistert, Bilder auf der Strasse zu machen. Der Grund ist wohl ganz einfach. Eine neue Technik, die mich herausfordert und mit der ich eine neue Art meiner Fotografie umsetzen kann. Und das Gute ist, es ist überhaupt nicht schwierig. Man kann das sehr einfach mal ausprobieren. Viel Spass.


 

Thomas Leuthard

Streetfotograf und Mitarbeiter bei Fotichästli

Lieblingsgegenstand bei LINGS: Olympus OM-D E-M10 Mark II Body

 

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